Formen & Ausdehnung

Japanische Bodysuit-Typen

Übersicht japanischer Bodysuit-Tätowierungen

Mit freundlicher Erlaubnis von Horisumi

Die traditionelle japanische Tätowierung wird nicht als Sammlung einzelner Motive gedacht, sondern als zusammenhängendes Gesamtwerk. Die folgenden Begriffe beschreiben, wie weit dieser Anzug reicht und wie er geschnitten ist.

Die grossen Formen

Munewari

Der Munewari ist eine klassische Form des Soushinbori, des japanischen Ganzkörperanzugs. Charakteristisch ist die offene Brustmitte: Ein senkrechter, unberührter Streifen läuft von der Brust über den Bauch. Diese Aufteilung war traditionell so angelegt, dass die Tätowierung unter Kleidung verborgen bleiben konnte. Der starke Kontrast zwischen tätowierter Fläche und freier Körpermitte verleiht dem Munewari seine besondere Spannung. Er ist zugleich Namensgeber dieser Seite.

Donburi

Der Donburi ist eine geschlossene Variante des Soushinbori. Im Unterschied zum Munewari bleibt die Körpermitte nicht frei: Brust, Bauch und zentrale Körperflächen sind durchgehend tätowiert. Dadurch entsteht eine besonders grosse, zusammenhängende Bildfläche. Donburi wirkt kraftvoll, dicht und kompromisslos. Gleichzeitig gehört diese Form zu den aufwendigsten Varianten, da Motiv, Hintergrund und Körperfluss über den ganzen Körper hinweg nahtlos zusammenspielen müssen.

Hikae

Die Hikae sind Brustpanele, die von der Schulter über den Brustbereich laufen. Sie rahmen beim Munewari oft den freien Mittelstreifen und verbinden die Brust harmonisch mit den Ärmeln. Dadurch entsteht ein fliessender Übergang zwischen Oberkörper, Schulter und Arm. Hikae geben dem Bodysuit Struktur, Tiefe und eine klare visuelle Führung.

Ärmel & Beine – die Länge zählt

Gobu

„Halber“ Ärmel – die Tätowierung reicht bis zur Mitte des Oberarms. Endet oberhalb des Ellenbogens und bleibt so leicht bedeckbar. An den Beinen entspricht Gobu der Länge bis zur Mitte des Oberschenkels.

Shichibu

„Sieben-Zehntel“-Ärmel – bis unterhalb des Ellenbogens, etwa zum Übergang des Unterarms. Häufiger Kompromiss zwischen Ausdehnung und Diskretion. An den Beinen reicht Shichibu entsprechend bis unterhalb des Knies.

Nagasode

Der volle „lange Ärmel“ bis zum Handgelenk. Analog gibt es für die Beine die vollständige Ausführung bis zum Knöchel.

Tebori – das Handwerk hinter der Tradition

Tebori

Tebori („von Hand gestochen“) bezeichnet die traditionelle Technik, bei der die Tinte mit einem Bündel Nadeln an einem Stab von Hand eingebracht wird. Sie erlaubt besonders weiche Farbverläufe und gilt als hohe handwerkliche Kunst. Die Vermutung, dass die Schmerzen grösser sein müssen, ist falsch – die Schmerzen und der Stress für die Haut sind geringer, der Prozess ist jedoch zeitaufwendiger. Bis heute wird sie neben der Maschine gepflegt und über Jahre in Lehrverhältnissen weitergegeben.

Mikiri – Abschlusskanten & Übergänge

Mikiri

Die Mikiri bezeichnen die bewusst gestalteten Abschlusskanten und Übergänge eines japanischen Tattoos. Sie bestimmen, wo die tätowierte Fläche endet und die freie Haut beginnt. Dabei rahmen sie Motive, Bodysuits und Körperpartien nicht nur optisch, sondern geben dem gesamten Werk Struktur und Richtung.

Der Aufbau eines traditionellen japanischen Bodysuits

Das Rückenteil als Fundament

Im traditionellen japanischen Tätowierstil bildet das Rückentattoo den Mittelpunkt des gesamten Bodysuits. Dieses grossflächige Motiv erstreckt sich üblicherweise vom Nacken bis über das Gesäss hinaus und nimmt den grössten zusammenhängenden Bereich des Körpers ein. Aufgrund seiner Grösse und Präsenz bestimmt es die Richtung, das Thema und die Atmosphäre des gesamten Projekts.

Das Hauptmotiv wird von klassischen Hintergrundelementen umrahmt. Dazu gehören beispielsweise Windmuster, Wolkenformationen, Wasserbewegungen, Felslandschaften oder Flammen. Diese Elemente dienen nicht nur als dekorativer Rahmen, sondern verbinden alle später folgenden Tätowierungen zu einer zusammenhängenden Komposition.

Zur Unterstützung der gewünschten Stimmung können zusätzliche Motive integriert werden. Saisonale Elemente wie Kirschblüten, Ahornblätter, Chrysanthemen oder Pfingstrosen verleihen dem Werk eine bestimmte Jahreszeit oder emotionale Wirkung. Oft ziehen sich solche Begleitmotive wie ein roter Faden durch den gesamten Anzug.

Unterschiede in der Gestaltung

Traditionell wurden Bodysuits bei Männern und Frauen nicht identisch aufgebaut. Während bei Männern häufig von Beginn an ein vollständig ausgearbeiteter Hintergrund eingesetzt wird, wird bei Frauen oft zunächst nur das Hauptmotiv gestochen. Der Hintergrund kann zu einem späteren Zeitpunkt ergänzt werden, sobald weitere Körperbereiche dazukommen.

Diese Herangehensweise erzeugt unterschiedliche Wirkungen. Ein sofort integrierter Hintergrund vermittelt Stärke und Präsenz, während eine reduzierte Ausführung weicher und zurückhaltender erscheint. Letztlich bleibt die Entscheidung jedoch individuell und unabhängig vom Geschlecht.

Arme und Brustbereich

Nach dem Rückenteil folgen häufig die Arme und der obere Vorderkörper. Dabei spielt die Verbindung zwischen Ärmel und Brustpartie eine wichtige Rolle, da beide Bereiche gestalterisch als Einheit betrachtet werden.

Bei Männern erstreckt sich das sogenannte Hikae meist weit über den Brustbereich und verbindet das Armmotiv mit dem Zentrum des Körpers. Dadurch wirkt der Ärmel deutlich imposanter und erhält mehr visuelle Tiefe.

Bei Frauen wird häufig eine etwas feinere Lösung bevorzugt. Der Schulterbereich wird dabei stärker mit einbezogen, während der eigentliche Brustmuskel weitgehend ausgespart bleibt. Das Resultat wirkt ausgewogen und unterstreicht die fliessenden Linien des Designs.

Für die Arme existieren mehrere traditionelle Varianten:

Alle Formen haben ihren festen Platz innerhalb der Tradition. Die Wahl hängt oftmals von persönlichen Vorlieben, beruflichen Gegebenheiten und dem geplanten Gesamtkonzept ab.

Vom Einzelstück zum vollständigen Bodysuit

Viele Tätowierer empfehlen, mit dem Rücken zu beginnen, da hier die Grundlage für das spätere Gesamtbild geschaffen wird. Dennoch muss nicht jedes Projekt sofort als kompletter Bodysuit geplant werden.

Ein einzelner Ärmel kann bereits ein abgeschlossenes Kunstwerk darstellen. Dasselbe gilt für zwei Ärmel oder ein Rückenteil. Die Entwicklung zum Bodysuit erfolgt oft schrittweise über viele Jahre.

Wer das Projekt erweitert, ergänzt nach Rücken und Armen häufig die seitlichen Körperpartien bis oberhalb der Knie. Diese Variante wird oft als Short Suit bezeichnet und bildet bereits eine nahezu vollständige Komposition.

Der vollständige Bodysuit reicht dagegen von Hals und Handgelenken bis zu den Knöcheln. Dabei existieren zwei grundsätzliche Varianten:

Zusätzlich können spezielle Symbole oder persönliche Motive in die Seitenpartien integriert werden. Tätowierungen an Händen, Hals oder sogar am Kopf werden heute zwar häufiger umgesetzt, gehören jedoch nicht zum klassischen Aufbau eines traditionellen japanischen Bodysuits.

Die Bedeutung der Hintergründe

Ein entscheidender Faktor eines gelungenen Bodysuits ist die Einheitlichkeit der Gestaltung. Die Hintergrundarbeit verbindet sämtliche Einzelmotive zu einer grossen zusammenhängenden Komposition.

Deshalb wird häufig empfohlen, einen Bodysuit möglichst von derselben Person oder zumindest innerhalb derselben stilistischen Linie ausführen zu lassen. Nicht die Anzahl der Tätowierungen macht einen Bodysuit aus, sondern die Harmonie aller Bestandteile.

Muss aus persönlichen Gründen ein anderer Tätowierer hinzugezogen werden, sollte dies mit Respekt gegenüber der bereits geleisteten Arbeit geschehen. Gute Kommunikation und gegenseitige Wertschätzung ermöglichen auch in solchen Situationen überzeugende Ergebnisse.

Traditionelle japanische Tätowierungen werden grundsätzlich als Ganzkörperkonzept verstanden. Jeder neue Abschnitt soll sich nahtlos in die bereits vorhandenen Elemente einfügen. Besonders die Hintergründe übernehmen dabei die Rolle des verbindenden Rahmens und sorgen dafür, dass aus vielen einzelnen Tätowierungen letztlich ein einziges grosses Kunstwerk entsteht.

Typischerweise werden Hintergründe in Schwarz- und Grautönen ausgeführt. Wellen, Wasser und Wolken haben keine Farben. Die eigentlichen Hauptmotive erhalten dagegen Farbe und bilden dadurch den visuellen Schwerpunkt. Diese Kombination trägt wesentlich dazu bei, dass klassische japanische Tätowierungen auch nach Jahrzehnten noch klar, lesbar und ästhetisch wirken.

Ein langfristiges Projekt

Die Entstehung eines Bodysuits ist in den meisten Fällen ein mehrjähriger Prozess. Selbst ein Short Suit benötigt oft mehrere Jahre bis zur Fertigstellung. Ein vollständiger Bodysuit kann sich problemlos über fünf Jahre oder länger erstrecken.

Am Ende entsteht nicht einfach eine Sammlung einzelner Tätowierungen, sondern eine zusammenhängende Bildgeschichte, die sich über den gesamten Körper erstreckt und über viele Jahre hinweg wächst.